Gast-Beitrag: Der etwas andere Parcoursbesuch
Kalle hat mir erzählt, was ihm neulich beim Bogenschiessen wiederfahren ist und da habe ich ihn gebeten, dass doch auch für alle Leser des Bogenblog aufzuschreiben. Hier nun sein Bericht:
Auf dem Rückweg von Niedersachsen nach Bayern führte mich ein kleiner Umweg am Parcours in Willebadessen in der Nähe von Kassel (von Bayern aus betrachtet) vorbei. Die Anmeldung zum Parcoursbesuch erfolgte an der Rezeption des Hotels „Jägerhof“. Die freundliche Dame am Empfang legte mir eine Liste vor, in die ich mich eintragen musste, einschließlich des Namens meines Haftpflichtversicherers – ungewöhnlich aber vielleicht sinnvoll. Die Hotelangestellte wies mir die Richtung zum Waldweg von dem aus der Parcours abzweigen sollte. Trotz eingeschweißter Skizze (Pfand 10 Euro) dauerte es ein wenig, bis ich den „Einschießplatz“ gefunden hatte. Er bestand aus einigen ausgestopften Strohsäcken mit Tiersilhouette vor einem recht dichten Unterholz. Der zweite Pfeil verschwand dann auch gleich im dichten Grün und ward nicht mehr gesehen. „Na prima“, dachte ich, „das geht ja gut los. Oder hätte ich den Waldgeistern etwas opfern sollen?“ Zu spät, der Pfeil war und blieb verschwunden. Mit ein wenig Unmut im Bauch machte ich mich dann auf den Weg durch den Wald, den auf die Bäume gemalten Kreisen folgend.
Anders als im bayerisch-tirolerischen Grenzgebiet gewohnt, hatte ich es mit zum Teil liebevoll (hand?)-gemalten Zielen aus Hartschaumstoff zu tun. Die Entfernungen waren nicht immer so weit gesteckt, wie der Parcours es erlaubt hätte. Auch fand ich lediglich eine Abschussmarkierung für alle Schützen. Das mag den einen überfordern, den anderen dazu animieren, sich weiter vom Ziel zu entfernen, als vorgesehen. Durch wechselnd dichtes Unterholz führte der Weg auf einen Bereich, der mit Laub übersät und weitläufig einsehbar war. Ich gab einige Schüsse auf einen künstlichen Luchs ab und beschloss dann, die Schussentfernung zu den nächsten Zielen, einer Gruppe aus Hartschaumstoff-Wildschweinen, zu erweitern. Ich war sowieso allein auf weiter Flur, Gefahr bestand also nicht.
Nun, der erste Pfeil traf super, die anderen beiden waren etwas zu kurz angesetzt, steckten zwischen den Vorder- und Hinterläufen des „Pappkameraden“. Ich beschloss, meinen Standort zu verändern, um eine noch bessere Abschussposition zu bekommen – und hörte es knacken und rascheln. Waren noch weitere Schützen an diesem Montag Mittag auf dem Parcours? Nein, das war etwas anderes, etwas, das viel eher in diesen Wald gehörte als ich – eine Rotte real existierender Wildschweine samt Frischlingen. Die Borstentiere störten sich nicht an meiner Anwesenheit, es lagen auch noch gut 150 Meter zwischen uns. Aber mit Wildschweinen spaßt man nicht. Mit ihren vier kräftigen, kurzen Beinen schaffen sie gute 70 Kilometer pro Stunde (!), deutlich mehr als ich. Ich wollte meine Pfeile wieder zurück haben traute mich aber nicht, auf die Wildschweine, ob aus Hartschaumstoff oder Fleisch, Borsten und Hauern, zuzugehen. Und wer wusste zu sagen, ob Familie Borstentier gut genächtigt hatte oder ob die Jagd auf einen einzelnen (und plötzlich erschreckend einsamen) Bogenschützen nicht eine willkommene Abwechslung wäre. Ich entschied mich also für Plan B - „B“ wie Baum! Buchen sollst Du suchen – heißt es. Gesagt, getan. Da hockte ich nun auf meiner Buche, den Bogen auf dem Rücken und musste über die Ironie des Schicksals lächeln, zumindest zunächst. Der Pfeil im Körper des Imitates schien die Originale nicht im Geringsten zu stören. Die Rotte wühlte den Waldboden nach Essbarem um und nahm von mir keinerlei Notiz. Ich entschied mich dann, laut zu rufen, zu pfeifen und zu klatschen und hatte irgendwann Erfolg – die Familie verzog sich in das nahegelegene Unterholz. Mit klopfendem Herzen kletterte ich von „meiner“ Buche herunter, legte einen meiner noch verbleibenden Pfeile ein und bewegte mich auf die drei verschossenen Pfeile zu. Es wird wohl ausgesehen haben, wie „Robin Hood für Arme“, dachte ich. Ständig vorsichtig um mich blickend erreichte ich die nicht abgewanderten Pappkameraden, steckte rasch meine Pfeile ein und trat – immer noch einen Pfeil auf der Sehne – den Rückweg an. Ich entschied mich, diesen Parcours nicht vollständig zu absolvieren. Einmal waren mir die Waldgeister gnädig gewesen und hatten mir die Rotte gezeigt, bevor sie mich entdeckt hatte. Je weiter ich mich von der Lichtung entfernte, desto ruhiger schlug mein Herz. Am Einschießplatz angelangt, bemühte ich mich noch einmal, meinen verschwundenen Pfeil zu finden – erneut vergebens. Jetzt erst betrachtete ich die Tiersilhouette auf dem Strohsack und musste erneut lachen. Der Schatten eines Wildschweins war hier aufgedruckt.
Hätte ich das Zeichen deuten sollen? Hatten die Waldbewohner mir hier schon etwas andeuten wollen? War der verschwundene Pfeil so etwas wie ein Tauschgeschäft gegen meine Gesundheit? Letztendlich bin ich dankbar, lediglich einen Pfeil verloren zu haben. Wir sind halt nur Gäste im Wald – und es steht uns gut, dies im Hinterkopf zu behalten.
Karl-Heinz Pohl, 30.07.2010
Ist euch auch schon mal etwas aussergewöhnliches bei einem Parcour-Besuch oder beim Bogenschiessen passiert? Dann schreibt mir doch eine Email an info@bogenblog.de mit eurer Geschichte.
Auf dem Rückweg von Niedersachsen nach Bayern führte mich ein kleiner Umweg am Parcours in Willebadessen in der Nähe von Kassel (von Bayern aus betrachtet) vorbei. Die Anmeldung zum Parcoursbesuch erfolgte an der Rezeption des Hotels „Jägerhof“. Die freundliche Dame am Empfang legte mir eine Liste vor, in die ich mich eintragen musste, einschließlich des Namens meines Haftpflichtversicherers – ungewöhnlich aber vielleicht sinnvoll. Die Hotelangestellte wies mir die Richtung zum Waldweg von dem aus der Parcours abzweigen sollte. Trotz eingeschweißter Skizze (Pfand 10 Euro) dauerte es ein wenig, bis ich den „Einschießplatz“ gefunden hatte. Er bestand aus einigen ausgestopften Strohsäcken mit Tiersilhouette vor einem recht dichten Unterholz. Der zweite Pfeil verschwand dann auch gleich im dichten Grün und ward nicht mehr gesehen. „Na prima“, dachte ich, „das geht ja gut los. Oder hätte ich den Waldgeistern etwas opfern sollen?“ Zu spät, der Pfeil war und blieb verschwunden. Mit ein wenig Unmut im Bauch machte ich mich dann auf den Weg durch den Wald, den auf die Bäume gemalten Kreisen folgend.
Anders als im bayerisch-tirolerischen Grenzgebiet gewohnt, hatte ich es mit zum Teil liebevoll (hand?)-gemalten Zielen aus Hartschaumstoff zu tun. Die Entfernungen waren nicht immer so weit gesteckt, wie der Parcours es erlaubt hätte. Auch fand ich lediglich eine Abschussmarkierung für alle Schützen. Das mag den einen überfordern, den anderen dazu animieren, sich weiter vom Ziel zu entfernen, als vorgesehen. Durch wechselnd dichtes Unterholz führte der Weg auf einen Bereich, der mit Laub übersät und weitläufig einsehbar war. Ich gab einige Schüsse auf einen künstlichen Luchs ab und beschloss dann, die Schussentfernung zu den nächsten Zielen, einer Gruppe aus Hartschaumstoff-Wildschweinen, zu erweitern. Ich war sowieso allein auf weiter Flur, Gefahr bestand also nicht.
Nun, der erste Pfeil traf super, die anderen beiden waren etwas zu kurz angesetzt, steckten zwischen den Vorder- und Hinterläufen des „Pappkameraden“. Ich beschloss, meinen Standort zu verändern, um eine noch bessere Abschussposition zu bekommen – und hörte es knacken und rascheln. Waren noch weitere Schützen an diesem Montag Mittag auf dem Parcours? Nein, das war etwas anderes, etwas, das viel eher in diesen Wald gehörte als ich – eine Rotte real existierender Wildschweine samt Frischlingen. Die Borstentiere störten sich nicht an meiner Anwesenheit, es lagen auch noch gut 150 Meter zwischen uns. Aber mit Wildschweinen spaßt man nicht. Mit ihren vier kräftigen, kurzen Beinen schaffen sie gute 70 Kilometer pro Stunde (!), deutlich mehr als ich. Ich wollte meine Pfeile wieder zurück haben traute mich aber nicht, auf die Wildschweine, ob aus Hartschaumstoff oder Fleisch, Borsten und Hauern, zuzugehen. Und wer wusste zu sagen, ob Familie Borstentier gut genächtigt hatte oder ob die Jagd auf einen einzelnen (und plötzlich erschreckend einsamen) Bogenschützen nicht eine willkommene Abwechslung wäre. Ich entschied mich also für Plan B - „B“ wie Baum! Buchen sollst Du suchen – heißt es. Gesagt, getan. Da hockte ich nun auf meiner Buche, den Bogen auf dem Rücken und musste über die Ironie des Schicksals lächeln, zumindest zunächst. Der Pfeil im Körper des Imitates schien die Originale nicht im Geringsten zu stören. Die Rotte wühlte den Waldboden nach Essbarem um und nahm von mir keinerlei Notiz. Ich entschied mich dann, laut zu rufen, zu pfeifen und zu klatschen und hatte irgendwann Erfolg – die Familie verzog sich in das nahegelegene Unterholz. Mit klopfendem Herzen kletterte ich von „meiner“ Buche herunter, legte einen meiner noch verbleibenden Pfeile ein und bewegte mich auf die drei verschossenen Pfeile zu. Es wird wohl ausgesehen haben, wie „Robin Hood für Arme“, dachte ich. Ständig vorsichtig um mich blickend erreichte ich die nicht abgewanderten Pappkameraden, steckte rasch meine Pfeile ein und trat – immer noch einen Pfeil auf der Sehne – den Rückweg an. Ich entschied mich, diesen Parcours nicht vollständig zu absolvieren. Einmal waren mir die Waldgeister gnädig gewesen und hatten mir die Rotte gezeigt, bevor sie mich entdeckt hatte. Je weiter ich mich von der Lichtung entfernte, desto ruhiger schlug mein Herz. Am Einschießplatz angelangt, bemühte ich mich noch einmal, meinen verschwundenen Pfeil zu finden – erneut vergebens. Jetzt erst betrachtete ich die Tiersilhouette auf dem Strohsack und musste erneut lachen. Der Schatten eines Wildschweins war hier aufgedruckt.
Hätte ich das Zeichen deuten sollen? Hatten die Waldbewohner mir hier schon etwas andeuten wollen? War der verschwundene Pfeil so etwas wie ein Tauschgeschäft gegen meine Gesundheit? Letztendlich bin ich dankbar, lediglich einen Pfeil verloren zu haben. Wir sind halt nur Gäste im Wald – und es steht uns gut, dies im Hinterkopf zu behalten.
Karl-Heinz Pohl, 30.07.2010
Ist euch auch schon mal etwas aussergewöhnliches bei einem Parcour-Besuch oder beim Bogenschiessen passiert? Dann schreibt mir doch eine Email an info@bogenblog.de mit eurer Geschichte.
Geschrieben von Jean-Christoph von Oertzen
um
12:58










Kommentare
Fr, 27.08.2010 22:03
Fr, 27.08.2010 17:41
Do, 26.08.2010 22:55
Mi, 25.08.2010 10:54
So, 22.08.2010 14:59